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IEPG – Institut für medizinische Ethik, Grundlagen und Methoden der Psychotherapie und Gesundheitskultur
Institute for Medical Ethics, Psychotherapy and Health Culture

Jahresrundbrief im Dezember 2019

Mannheim, im Dezember 2019

Philosophie nimmt die wahre Kunst in sich hinein und stellt sie als eine Erfüllung über alles.

Karl Jaspers

Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

die wissenschaftlich-analytische Herangehensweise und der künstlerisch-ästhetische Ansatz, beide, – darauf weist die oben zitierte Aussage von Karl Jaspers – sind unentbehrlich, wenn wir konfrontiert sind mit unüberbrückbar scheinenden, individual-ethischen und praktisch-politischen Herausforderungen. Natürlich haben wir im vergangenen Jahr die Institutsarbeit zunächst auf medizinethische Kernthemen konzentriert, wie die Seminarreihe zu aktuellen Fragen rund um das Verhältnis von Robotik zu Leiblichkeit und künstlicher Intelligenz zeigt. Probleme der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, der politischen Fragen zur Entwicklung Europas und des Zusammenlebens seiner Völker ließen sich jedoch nicht ausklammern. Dabei ist ein Transfer medizinisch-therapeutischen Prozesswissens in den gesellschaftlichen und politischen Bereich hinein bemerkenswerterweise immer deutlicher in den Fokus unserer Arbeitsperspektive gerückt: Persönlich­keits­entwicklung bzw. Strukturaufbau im persönlichen Bereich kann auf der Basis eines rationalen Argumentationsmodus allein nicht gelingen. Das gilt ebenso für den Strukturaufbau eines lebensfähigen Europas, d. h. eines kreativen Zusammenwirkens der Völker Europas. In unserem Mannheimer Frühjahrssymposium am 11. Mai 2019, haben uns diesbezüglich die menschenbildlichen und weltbildlichen Gestaltungskräfte in Wissenschaften und Künsten beschäftigt, die es neu zu entdecken und auch gesellschaftspolitisch zu nutzen gilt. Wichtige Impulse hierzu konnten die Beiträge von Hartmann Römer, seine kritische Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus, von Horst-Jürgen Gerigk zur musikalischen und politischen Relevanz im Denken von Turgenjew und Dostojewski, ferner die Ausführungen von Rainer Mordmüller „Impressionen – Improvisationen – Kompositionen. Existenz und das Bildnerische als Erlebnis“ sowie von Dietrich von Engelhardt zum Welterleben im Medium der Literatur geben.

Im Zentrum der Seminarreihe an der Universität Heidelberg zu anthropologischen und ethischen Grundlagen der Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie standen das Verhältnis von Mensch und Maschine und die neuen Herausforderungen angesichts medizinischer Hightech, Robotik und der vielbeschworenen sog. künstlichen Intelligenz. Um sich zugleich in dieses Zeitalter mit hinein zu begeben und – unbeschadet –, wir wissen nicht wann, hindurch zu gelangen, bedarf es einer operativen Distanz, mehr noch, einer künstlerischen, einer poetischen, einer musikalischen, kurzum, einer menschlichen Perspektive, die uns Freiheitsgrade eröffnet und die uns in die Lage versetzt, „Gelassenheit zu den Dingen“ zu erlangen.

Auch publizistisch haben wir die angesprochenen ethischen Fragestellungen aufgegriffen, so in dem vor kurzem erschienenen Band 18 unserer Reihe „Grenzen – Entgrenzung – ethische Orientierung in einer destabilisierten Welt“ (Hg.: H. A. Kick, M. Oeming). Im Geleitwort betont Prof. Dr. Felix Unger, Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, dass es ethisch elementar sei, nicht unübersichtlichen Entgrenzungsprozessen nachzugeben, sondern in einem kreativen Prozess ganz neue Lösungen anzustreben. Das Anliegen des Bandes füge sich in die derzeit durchgeführte Aktion der Akademie der Wissenschaften und Künste als hoffnungsvolle Suche nach einem gemeinsamen Weg der Völker Europas.

Historische Analysen und strukturell-soziologische Hermeneutik, mit den daraus sich ergebenden Konsequenzen sind in der geschichtlichen Forschung und in der Medizingeschichte exemplarisch aufeinander zu beziehen. Unter dem Thema „Psychiatrische Pharmakotherapie in der Schule von Paris“ konnte monographisch (H. A. Kick) und fußend auf frühere Quellensichtung, u. a. in der Bibliothèque de la Faculté de Médecine, Paris, zunächst historisch die Bemühung um Objektivierung in der Klinik und die Entdeckung des Subjekts in der außerklinischen, künstlerischen Arbeit des 19. Jahrhunderts aufgezeigt werden. Die epistemologischen Spannungsfelder von Objektivierung und der Respektierung des Subjekts und die ontologischen Dualitäten von materialistischen und idealistischen Prämissen sind bis heute von hoher Brisanz geblieben. Kenntnis der Konfliktfelder, die im 19. Jh. die Kliniker bewegten, helfen dazu, notwendige Zwischensynthesen für ethisch vertretbare Forschungsansätze rascher zu finden und erfolgreicher zu verteidigen.

Seit dem Jahresende 2018 haben wir die literarische Tradition von „Silvestergesprächen“ aufgegriffen. Sie finden zur Jahreswende 2019/20 im gewachsenen interdisziplinären Freundeskreis als „Heidelberger Silvestergespräche 2019“ ihre Fortsetzung. Die letztjährigen Silvestergespräche 2018 mit lesenswerten Beiträgen von Elke Lang-Becker, Wolfgang Böker, Lothar Steiger und Reinhild Lohrmann sind vor kurzem im Mattes-Verlag, Heidelberg, erschienen, der das Unternehmen in dankenswerter Weise vorangebracht hat. Zu danken ist für die gute Kooperation das Jahr hindurch und seit zwei Jahrzehnten in großer Kontinuität dem LIT‑Verlag und hier insbesondere Herrn Dr. Michael Rainer für die Förderung unserer Reihe „Affekt – Emotion – Ethik“, in der inzwischen der 18. Band erschienen ist. Auch der Zusammenarbeit mit dem Universitätsverlag Winter, Heidelberg, und hier insbesondere Herrn Dr. Andreas Barth sei dankbar gedacht, insbesondere seinem Placet für die Publikation der englischsprachigen Edition der Monografie „Grenzsituationen – Krisen – kreative Bewältigung. Prozessdynamische Perspektiven nach Karl Jaspers“ (H. A. Kick). Er wird im 1. Quartal 2020 erscheinen können.

Ein Wort des Dankes sei gerichtet an alle, die zur Arbeit des Instituts künstlerisch beigetragen haben, so Stefanie Welk, die mit ihrem reichhaltigen plastischen Werk unsere wissenschaftliche Reihe akzentuiert und erweitert hat. Ebenso ist zu danken dem Freund und bildenden Künstler, Rainer G. Mordmüller, der uns mit seinem Werk stets in eine so überaus notwendige Auseinandersetzung mit dem traditionellen Kanon gelangen lässt. Violeta Dinescu hat mit Ihrem kompositorischen Werk und mit der innovativen Kunstform des „musikalischen Diskurses“ im Rahmen der wissenschaftlichen Symposien im Mannheimer Schloss zu einer unschätzbaren „Erweiterung von Welt“ beigetragen. Ihr und Ihren engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von denen genannt seien Mirjana Petercol, Anne Horstmann und Dörte Nienstedt, gilt unser herzlicher Dank.

Hinzuweisen ist abschließend auf unser nächstes Wochenendsymposium am Freitag, den 17.1.2020 um 18:00 Uhr und Samstag, 18.1.2020 um 9:15 Uhr mit Beiträgen von Prof. Hartmut Kreß, Bonn, Prof. Peter M. Vogt, Hannover, Prof. Hartmann Römer, Freiburg, und Dr. Oliver Schulz, Erbach, zum Thema Hightech und Robotik. Es wäre schön, sich bei dieser Gelegenheit im neuen Jahr zu treffen.

Mit herzlichen Grüßen und den besten Wünschen für frohe Weihnachtsfeiertage und ein gutes Jahr 2020, auch im Namen des gesamten Leitungsteams des IEPG,

Ihr

Prof. Hermes A. Kick